Weiterkommen mit neuer Orientierung
Halten Sie ehrlichen Rückblick und seien Sie offen für unkonventionelle Ideen
von Gerhard P. Hoppe
Wie wichtig Zielsetzungen im betrieblichen Bereich sind, weiß man. Und daß es schwer ist, sie zu finden und verständlich zu formulieren, erfährt man spätestens dann, wenn man ihnen nachjagt. Die Erkenntnis, daß viele Unternehmen sich in einer hartnäckigen Orientierungslosigkeit bewegen, ist so gesehen verständlich, aber gleichzeitig ernüchternd. Die Mitarbeiter wissen oder spüren es. Und daß es nicht so recht vorangeht, daran gewöhnt man sich und akzeptiert irgendwann die allgemeine Frustration als festen Bestandteil im Betriebsklima. Was für ein Unternehmen zutrifft, gilt aber genauso für die persönlichen Belange. Die schwersten Schritte in der beruflichen Entwicklung sind in den meisten Fällen in der Frage nach der Orientierung zu machen. Diese tauchen keineswegs nur einmal auf, sondern stellen sich in unregelmäßigen Abständen immer wieder ein. Kommt zunächst die grundsätzliche Frage nach der Berufsausbildung, folgt beispielsweise für den Hochschulabsolventen die Überlegung, in welchen Funktionsbereich einer Unternehmung er wohl hineinpassen wird. Und die gewissen Krisen zwischen einzelnen Lebensphasen tun ihr übriges dazu, und zwar dann, wenn plötzlich festgestellt wird, daß der frühere Schwung nachgelassen hat, die ursprüngliche Begeisterung für eine "Vision" ist spurlos verschwunden, das neue große Geschäftsauto und das verdoppelte Jahresgehalt haben auch nicht so recht motiviert, wie man eigentlich dachte. Zwischenzeitlich wird man von der Routine regelrecht aufgefressen, wirklich neue Reize tauchen nicht mehr auf, man hat seine Linie irgendwo gefunden - aber war das alles? Lebensinhalte verlagern sich dann vom beruflichen Engagement zur Freizeitgestaltung, einerseits kann man plötzlich die Früchte des vergangenen Erfolgs genießen, andererseits bleibt die Frage nach Alternativen unbeantwortet, weil man auch nicht danach gezielt sucht. Oder es wird einfach der Drang verspürt weiterzukommen, aber wie und womit?
Erst wenn die Verhältnisse in der bestehenden Aufgabe nicht mehr zu ertragen sind oder ein Positionswechsel gezwungenermaßen ansteht, erfolgt die gezielte Suchbewegung: "Wie kann es weitergehen?" Die Gedanken bewegen sich dann zumeist im Kreis, man kommt immer wieder zu denselben Ergebnissen, kreative Impulse dringen nicht so recht durch oder können kaum in der Bewerbung der möglichen Realisierung eingeschätzt werden. Was standhaft bleibt, sind die Klischees darüber, was man unter beruflichem Erfolg zu verstehen hat: die höhere hierachische Position, das bessere Einkommen usw.
Beginnen wir mit einer simplen Betrachtung. Jeder Stellenwechsel kann von zwei völlig unterschiedlichen Motiven begleitet sein. Da sind die Störungen, die einem den beruflichen Alltag schwer machen, Ärger mit Vorgesetzten und Kollegen, Überforderung, Unterbezahlung, die ständige Kritik der Kunden. Einflüsse, die dazu führen, daß man von den momentanen Inhalten gewissermaßen abgestoßen wird Entgegen dazu gibt es die Träume, von denen man regelrecht wie von einem Magneten angezogen wird. Man wollte schon immer gerne dieses oder jenes in der einen und anderen Branche oder Firma tun. Endlich wird ein Angebot greifbar und mit fliegenden Fahnen wechselt man in das neue Engagement. Negatives Abstoßen und positive Anziehungskraft können im Spiel sein. Wenn Sie also gerade "auf dem Sprung" sind, testen Sie sich vorab selbst, welches Motiv bei Ihnen überwiegt. Bewegen Sie sich in der Orientierungslosigkeit, dann heißt das gleichzeitig, daß Sie eine neue Quelle der Anziehungskraft entdecken müssen. Etwas Systematik wird Ihnen helfen, aber es wird auch Zeit und Selbstdisziplin in Anspruch nehmen.
Greifen Sie zu Papier und Bleistift und ziehen Sie sich einmal ein paar Stunden in die Ruhe und Abgeschiedenheit zurück. Halten Sie als erstes einen Rückblick. Gehen Sie langsam Ihre Vergangenheit durch und notieren Sie sich alle Momente des persönlichen (!) Erfolgs, Ereignisse, auf die Sie stolz sind oder waren, Situationen, in denen Sie sich wohlgefühlt haben und zufrieden waren. Wo sind die Leistungen, von denen Sie sagen können: "Das war ich!". Vergegenwärtigen Sie sich, welche ihrer fachlichen und/oder persönlichen Begabungen in diesen Erinnerungen eine Rolle gespielt haben. Machen Sie sich in kleinen Schritten und Details bewußt, wo Ihre ausgeprägten Stärken liegen, die Ihnen bislang Erfolge bescherten. Welches Umfeld war nötig, damit Sie diese Eigenschaften ausleben konnten?
Im zweiten Schritt listen Sie ganz einfach alle Tätigkeiten/Aufgabeninhalte auf, die Sie gerne wahrgenommen haben oder in Zukunft ausüben möchten. Grobe Inhalte schlüsseln Sie noch einmal auf und schreiben jeweils drei Unterpunkte dazu. Notieren Sie ferner alle positiven Arbeitsbedingungen.
Im dritten Schritt schauen Sie sich diese Punkte kritisch an. Warum haben Sie sie hingeschrieben? Wenn Sie sagen, Sie brauchen den Kontakt zum Kunden: meinen Sie wirklich den Kunden oder lediglich den Kontakt "nach außen". Wenn Sie gerne im Außendienst sind, warum: weil Sie gerne mit dem Geschäftsfahrzeug unterwegs sind oder arbeiten können, ohne daß der Chef zusieht?
Im vierten Schritt verfahren Sie genauso mit allen negativen Streßfaktoren. die Ihnen begegnet sind. Gemeint sind alle Situationen und Arbeitsinhalte, die Sie gerne aufgeschoben haben, unter denen Sie gelitten haben, die selten gelingen wollten oder einfach nur unangenehm waren. Versuchen Sie auch hierfür die Hintergründe bewußt zu erfassen.Warum haben Sie diese Punkte negativ erlebt? Waren es die Umstände oder trafen berufliche Anforderungen auf etwas in Ihrer Persönlichkeit, was man ein "Begabungsloch" nennen könnte?
Notieren Sie alle diese Punkte untereinander und machen Sie sich dahinter mehrere Spalten. Diesen Spalten geben Sie Überschriften: welche Funktionen und/oder Tätigkeiten können Sie sich vorstellen auszuüben? Versuchen Sie, unkonventionell vorzugehen. Stellen Sie ruhig alles zunächst in Frage, notieren Sie auch Aufgaben, die Ihnen eigentlich unrealistisch erscheinen. Und gehen Sie jetzt für jede Spalte durch, ob die positiven und negativen Inhalte ihrer Auflistung darin vorkommen oder nicht. Ergeben sich Schwerpunkte oder werden Ihre intuitiven Suchbewegungen dadurch objektiviert? Nicht selten kommt es zu unvorhergesehen Überraschungen und der bisherige Nebel lichtet sich etwas.
Aber mit diesen Schritten sind Sie noch immer im Bereich der eigenen Ideen. Was Ihnen fehlt sind Ergänzungen, frische Impulse und Anregungen von außen.
Sind Sie in der Lage offen und kreativ zu denken? Lösen Sie sich einfach einmal von Ihrem bisherigen Denkschema und beziehen Sie die Möglichkeit mit ein, daß es durchaus Bedingungen und Konstellationen geben kann, die Sie bisher noch nicht entdeckt haben. Und gehen Sie auf die Suche. Führen Sie Gespräche, teilen Sie sich ruhig einmal Personen Ihres Vertrauens mit, erzählen Sie von Ihrem Problem und hören Sie zu. Gehen Sie auch einmal in Vorstellungsgespräche hinein mit der Absicht, neugierig zu fragen anstatt sich verkaufen zu wollen. Nur mit neuen Informationen aus Ihrem Umfeld können Sie den bisherigen Rahmen sprengen. Herbert L. (Namen geändert) tat es. Einige Jahre als Fertigungsingenieur hatten ihn unzufrieden und erfolgslos gemacht. Eine eigene Rückbesinnung und mehrere Gespräche mit Außenstehenden brachten Anregungen. Er fand seine neue Befriedigung in einem Softwarehaus, das technische Problemlösungen erarbeitete, und schulte fortan sehr erfolgreich Kunden in der Handhabung bestimmter Applikationen. Eduard S. litt unter dem ständigen Erfolgs- und Umsatzdruck, den er als Vertriebsleiter auszuhalten hatte. Eigentlich beschäftigte er sich lieber mit Werbung und PR-Maßnahmen. Er stellte seine bisherigen Maßstäbe in Frage und entdeckte neue Möglichkeiten. Als Leiter der Kurdirektion eines großen Luftkurortes fand er schließlich optimale Voraussetzungen für seine Begabungsschwerpunkte.
Sie müssen ja nicht zwingend auf völlig neue Gleise geraten. Aber unkonventionelle Ansätze können helfen, neue Schwerpunkte zu entdecken. Das Wesen unserer beruflichen Spezialisierung erleichtert diesen Prozeß nicht gerade und läßt zu schnell in klassischen Bahnen denken. Die immer wieder geforderte Geradlinigkeit in der beruflichen Entwicklung ist nun einmal ein wichtiges Erfolgselement aber ist man erst einmal festgefahren, hilft sie nicht mehr viel, sondern muß kritisch hinterfragt werden.
Haben Sie Anregungen von außen einbezogen, können Sie Ihre Auflistung wieder in die Hand nehmen und ergänzen. In welchen Branchen und Organisationen, in welcher Firmengröße bei welchen Arbeitsbedingungen und unter welcher Funktionsbezeichnung könnten Sie optimal ihre Wünsche verwirklichen? Formulieren Sie weiterhin in drei Abschnitten positiv, 1. welche Fachkenntnisse Sie zukünftig einbringen wollen, 2. welche Ihrer persönlichen Eigenschaften gefordert sein sollen und 3. welche Erwartungen/Wünsche an das Umfeld befriedigt sein müssen.
Was Sie zum Abschluß vielleicht brauchen, ist etwas Mut zum Risiko. Oder vielleicht auch nur wieder etwas mehr von dem ursprünglichen Selbstvertrauen, von dem Sie irgendwann einmal beherrscht waren?
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