Zur Vorbereitung einer Bewerbungsphase
Nur ein Bewerber, der weiß was er will, kommt ans Ziel
von Gerhard P. Hoppe
Natürlich ist es eine Sache der persönlichen Streßempfindlichkeit, aber viele Bewerber bekommen einen erhöhten Pulsschlag, wenn sie an den bevorstehenden Stellenwechsel oder die nächste Bewerbung denken. Der Blick in den Lebenslauf eines durchschnittlichen Bewerbers läßt schnell erkennen, warum, in der Regel wird eine Arbeitsstelle so selten gewechselt, daß keine tiefergehenden Erfahrungen für eine Bewerbungsphase gesammelt werden können, gewissermaßen als Training. Stellt man die zu erwartenden Anforderungen und die relativ knapp bemessene Zeit für Informationsgespräche dagegen, ist es nicht weiter schwer. Verständnis dafür zu finden. Wohl dem, der mit wenig Aufwand sein Ziel erreicht.
Orientierung muß sein
Aber was ist, wenn Sie für ihr Vorhaben noch gar kein so konkretes Ziel beschreiben können? Viele Engagements sind bereits im Vorfeld zum Scheitern verurteilt, weil Unsicherheiten nicht rechtzeitig erkannt werden und Entscheidungen nur aus oberflächlichen Betrachtungen heraus getroffen werden. Oder ein Bewerber kommt bei konkret unterbreiteten Angeboten in eine ausgesprochene Qual, weil ihn immer noch die Frage bewegt: "Soll ich oder soll ich nicht", andere kommen erst gar nicht in die engere Wahl, weil sie bereits beim Erstkontakt mit schlechten Karten antreten in Form einer Orientierungslosigkeit, die dem geübten Beobachter nicht verborgen bleiben wird. Da Unsicherheiten zumeist aus einem Mangel an Informationen resultieren, ist vor einem konkreten Arbeitsplatz-Wechsel beispielsweise eine bewußte Orientierungs- und Trainingsphase äußerst hilfreich.
Risiko und Chance
Unabhängig aus welcher Situation heraus Sie sich verändern, der Schritt in ein neues Unternehmen beinhaltet zwei Dinge gleichzeitig, nämlich sowohl eine Chance als auch ein Risiko. Oft habe ich Bewerbern gegenüber gesessen, die in ihrem Lebenslauf eine unangenehme Station zu erwähnen hatten. Irgendwann war einmal eine Aufgabe mit Begeisterung übernommen worden und endete schließlich doch in der großen Enttäuschung - oftmals unverschuldet, aber in vielen Fällen hatten sie selbst dafür einzustehen. Fast gewöhnlich wirkt die Ceschichte des 45-jährigen Marketingleiters, der nach 11 Jahren Betriebszugehörigkeit inmitten der sogenannten Midlife-Krise die Firma wechselte, von Äußerlichkeiten verleitet einige wichtige Voraussetzungen für seinen weiteren Erfolg übersah und nach recht kurzer Zeit das Unternehmen zwangsweise wieder verlassen mußte. Der wirtschaftliche Druck ließ ihn zu einer schnellen Entscheidung für ein neues Angebot kommen, die zu einem weiteren Schiffbruch in einer Branche führte, deren Geheimnisse ihm bis dahin verborgen waren. Das Problem jetzt bestand für ihn überwiegend darin, daß er entmutigt war und an sich selbst zweifelte. Oder da ist das Beispiel eines Facharbeiters, der durch eine heimtückische Krankheit in eine lange Arbeitslosigkeit geriet. Viele vergebliche Bemühungen, einen neuen Job zu finden, entmutigten ihn. Er zweifelte zum Schluß selbst an seinen Fähigkeiten. Als man ihm schließlich doch eine gut bezahlte Arbeit anbot, war er während der Einarbeitung derart übervorsichtig und zaghaft, daß er nicht akzeptiert wurde und nach der Probezeit die Firma wieder verlassen mußte.
Es lohnt sich deshalb, nach erfolgreichen Grundprinzipien und Techniken Ausschau zu halten, die für die Frage der beruflichen Neuplazierung sinnvoll sind. Eine gute und gesicherte berufliche Existenz ist einfach zu wertvoll, als daß man damit leichtfertig umgehen darf.
Warum will ich wechseln?
Haben Sie sich schon einmal bewußt gemacht, weshalb Sie das Unternehmen wechseln wollen? Sie können bei dieser Frage auf zwei grundsätzlich verschiedene Haltungen stoßen. Vielleicht sagen Sie sich:"Ich möchte dieses oder jenes schon seit längerer Zeit unbedingt tun. Endlich die Aufgabe mit der großen Verantwortung, endlich das Produkt verkaufen, das mir die Warteschlange der Kunden garantiert, usw". Sie spüren einen Sog, den diese bestimmte Sache auf Sie ausübt. In aller Regel ist das die Haltung, von der Sie lange Zeit profitieren werden. Die Umkehrung aber davon ist, daß Sie vorrangig den Wunsch haben, dem Bisherigen den Rücken zu kehren. Es gibt irgendeinen Einfluß, der Sie aus der momentanen Aufgabe herausdrängt, der unfaire Chef, der Ärger mit den Kollegen, die niedrige Bezahlung. Nicht selten haben solche Hintergründe eine zweifache Konsequenz. Ich erinnere mich an einen krassen Fall. Ein Bewerber ergoß sich auf meine Frage, warum er eine neue Position anstrebe, in einer wahren Schimpfkanonade auf seinen Vorgesetzten. Einerseits übertrug sich der negative Hintergrund zum Teil auf sein eigenes Image, anderseits war zu spüren, daß er jedes erdenkliche Angebot angenommen hätte, nur um aus seiner gegebenen Situation herauszukommen und gewissermaßen mit der Kündigung einen "Racheakt" zu vollziehen. Letzteres kann zu einem unkalkulierbaren Risikofaktor werden, weil dadurch der Blick für die erfolgsbestimmenden Faktoren verschleiert ist. Ein Bewerber, der sich solchen Zwängen ausgesetzt sieht, kann unbewußt in einer Sackgasse stecken. Aber selbst der nach vorne gerichtete Blick, der nach dem Ausschau hält, was man in der neuen Position vorfinden möchte, benötigt Schärfung.
Zwei Triebfedern
Was sind die vorrangigen Beweggründe? Gewissermaßen spielen eine tiefersuchende und eine oberflächliche Ebene entscheidende Rollen. Im Kern nämlich muß die eigentliche Aufgabenstellung, die tagtäglich zu erfüllen ist, geeignet sein, um über eine lange Strecke hinweg den "inneren Motor" in Gang zu halten. Ist die neue Aufgabe wirklich das geliebte Kind. oder werden unbewußt innere Widerstände zu überwinden sein?
Eine lediglich oberflächlich getroffene Entscheidung kann aus einer Vielzahl von Äußerlichkeiten entstehen, z.B. Gehalt, sozialer Status, Geschäftsauto etc. Das Bezeichnende dieser Motive ist, daß sie nur zeitlich begrenzter Wirkung sind, aber zum beruflichen Erfolg nicht beitragen. Die erfolgreichsten Menschen, die ich je gesehen habe,waren es deshalb, weil sie sich mit Begeisterung und Überzeugung einer Aufgabe gewidmet hatten, in der sie im Zentrum ihrer Begabungen waren. Sie konnten gar nicht anders als erfolgreich sein. Alles andere stellte sich wie von alleine ein, der Verdienst, größere Verantwortung, Beförderungen. Und das Großartige in der Regel war, daß ihre Positionen so gefestigt waren, daß sie niemand aus dem Sattel heben konnte.
Was paßt zu mir ?
Die Aufgabenstellung selbst erscheint uns in zwei unterschiedlichen Anforderungsarten. Zum einen muß das richtige Fachwissen vorhanden sein. Dieser Punkt ist in einer Bewerbungsphase verhältnismäßig schnell und leicht geklärt. Problematischer wird es mit den Anforderungen, die mit der Persönlichkeit bewältigt werden müssen. In diesem Punkt geht es dann nicht nur um die Frage menschlicher Eigenschaften und Temperamente, sondern zu einem wesentlichen Teil um Erwartungen, die sich nicht nur an das berufliche, sondern auch an das persönliche Umfeld richten. Da wurde z.B. der Verkaufsingenieur eingestellt, der verkäuferisch begabt das umfassende technische Know-how mitbrachte und obendrein fließend Englisch und Französisch sprach. Nach wenigen Wochen endete das Engagement bereits wieder, da er den Schritt von der bis dahin gewohnten Weltstadtatmosphäre zur Provinz nicht bedacht hatte und die Wochenendfahrten zur nicht umzugsbereiten Freundin anstrengender als erwartet waren.
Begrenzt auf die rein betrieblichen Einflüsse wird sich der Entwicklungsingenieur, der sich gerne in ruhigen Laborverhältnissen bewegt, kaum in der hektischen Umgebung einer Verkaufabteilung wohlfühlen und der Mechaniker, der die kontinuierliche Arbeit im Formenbau liebt, wird bald die Atmosphäre der Großserienfertigung hassen.
Der begehrte Bewerber sein
Diese Impulse sollen einer Vorausschau dienen und zu einer Klarheit über wirklich beabsichtigte Aufgaben und Stelleninhalte führen. Je mehr Klarheit dann eintritt, um so sicherer werden einerseits die Entscheidungen, die für oder gegen ein Vertragsangebot getroffen werden. Gleichzeitig verbessern sich aber auch die eigenen "Verkaufschancen" in der Bewerbungsphase. Die schlechten Karten des orientierungsarmen Bewerbers verwandeln sich in Impulse der Selbstdarstellung, die ein potentieller Arbeitgeber mit allergrößtem Interesse aufnehmen wird, wenn er die Übereinstimmung mit seinen Erwartungen und den sachlichen Anforderungen erkennt. Ein Bewerber, der seine Vorstellungen klar formulieren und beschreiben kann, bezeugt nicht nur Zielstrebigkeit, sondern wird in diesem Fall zu einem begehrten Kandidaten, den man regelrecht umwerben wird
Das ermöglicht natürlich eine Schlußfolgerung, die eine erhebliche Streßminderung für die ganze Bewerbungskampagne verspricht. Wer klare Vorstellungen entwickelt und auf halbherzige Kompromisse verzichten mag, kann in jedes Vorstellungsinterview hineingehen mit der Absicht, zunächst nur Informationen sammeln und natürlich auch vermitteln zu wollen. Wird die gewünschte Übereinstimmung erkennbar, kann die Reaktion des Gegenübers getrost abgewartet werden. Ein Betrieb, der eine Arbeitsstelle ausschreibt, hat schließlich ein Problem, nämlich man sucht zu manchmal nennenswerten Beschäftigungskosten und in einigen Branchen nicht selten über längere Phasen eine(n) Fachmann/-frau mit einer Reihe wesentlicher persönlicher Eigenschaften. Mit anderen Worten der potentielle Arbeitgeber wird auch etwas unternehmen, um mit dem vermeintlichen Idealkandidaten zusammenzukommen. Man muß sicherlich berücksichtigen, daß die Interessenlagen konjunkturellen Schwankungen unterworfen sind und nicht im selben Umfang auf alle Branchen und Regionen bezogen sein können. Aber die Grundabsicht ist immer dieselbe: die Betriebe entscheiden sich nicht für einen x-beliebigen, sondern nur für den Bewerber, der Erfolg verspricht. Und der ist trotz hoher Arbeitslosenquoten oft nicht so leicht zu finden, wie man zunächst annimmt. Das darf im Bewußtsein eines Bewerbers gerne vorhanden sein. Hinzu kommt ein weiterer Umstand. Selbst in Zeiten, in denen Stellenanzeigen eine gute quantitative Resonanz bringen, kann es passieren, daß unter der Vielzahl eingegangener Bewerbungen sich nur sehr wenige wirklich ernstzunehmende Kandidaten befinden. Auch damit sollte man rechnen.
Wenn Sie sich also darauf konzentrieren, daß Sie eh nur eine Stelle suchen, die zu Ihnen paßt, dann sind Sie im entscheidenden Moment der begehrte Bewerber und man wird von seiten des Betriebes alles tun, um Sie zu gewinnen.
Ein Bewerber, der eine andere Haltung bzw. Absicht einnimmt, wird sich dagegen wie ein Hausierer fühlen und sich anschließend wie ein Versager vorkommen. Und natürlich ist er das nicht. Wer sich aber durch sein Verhalten und sein Auftreten selbst dazu macht und dem potentiellen Arbeitgeber diese Haltung auch noch zu erkennen gibt, braucht sich nicht zu wundern, wenn der Erfolg ausbleibt.
Aktiv sein
Ein letzter Gedanke: Denken ist Probehandeln. Von daher sollte eine berufliche Veränderung nicht aus dem kurzen Entschluß heraus erfolgen, sondern gut vorbereitet sein. Aber wer zu Hause sitzt und von einem neuen Arbeitsplatz lediglich träumt, wird schnell merken, daß sich nichts bewegt - außer daß seine latente Unzufriedenheit Chancen hat, zu einer Krise heranzuwachsen. Der erste Schritt, der unternommen wird, um Anregungen und Informationen zu den aktuellen Möglichkeiten am Arbeitsmarkt zu erhalten, löst nicht nur die Spannung, sondern bringt oftmals neue und ungeahnte Perspektiven.
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